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  • Jan Hesselbarth

Führen mit Auftrag

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einer Firma, die eine klar umrissene Vision hat, deren Auftrag klar formuliert ist und die Ihre Ausbildung systematisch vorangetrieben hat. In diesem Setup gibt Ihre Führungskraft Ihnen eine klar umrissene Zielvorstellung mit auf den Weg, stellt Ihnen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung, gibt die notwendigen Auflagen bekannt und lässt Ihnen ansonsten komplette Freiheit in der Zielerreichung. Ihnen wird vertraut und sie können zeitgerecht und vor allem auf den Punkt das Ziel erreichen. Danach werden sie gelobt und es gibt einen Folgeauftrag.


Nächstes Szenario: Stellen Sie sich vor, Sie sollen ein Problem lösen. Sie kennen die Rahmenbedingungen, die Ressourcen sind zwar knapp aber sie können frei über die vorhandenen Ressourcen entscheiden. Personal ist vorhanden und sie können frei über deren Einteilung entscheiden. Das Personal ist sogar gewillt und fähig und bringt sich in Ihrem Sinne in die Problemlösung ein. Sie entwickeln einen vollkommen eigenen Weg zur Problemlösung - einen Weg, den bisher noch niemand gegangen ist, der ungewöhnlich ist und zugegebenermaßen ziemlich riskant. Aber Sie erreichen ihr Ziel, das Problem ist gelöst.


Unglaublich aber wahr - beide Absätze beschreiben das sogenannte Führen mit Auftrag der Bundeswehr. Das Prinzip fußt darauf, dass die Führungskraft eine Absicht (Mission, Vision, Zielvorgabe - je nach Ebene vergleichbar) klar und eindeutig formuliert, diese Absicht klar kommuniziert, Ressourcen, Informationen und Auflagen bereitstellt und dann darauf vertraut, dass die Unterstellten das Ziel erreichen werden.


Das sind klar umrissene Auflagen im Rahmen des Führungsprozesses der Bundeswehr. Im Zentrum all dessen steht die Absicht. Sie wird in einem formalisierten Prozess entwickelt und hat immer dasselbe Aussehen. Es werden die wichtigsten 6 Fragen beantwortet:

Wer - tut was - wie - wann - wo - wozu.


In der Theorie reicht dieser Satz aus, um in einem militärischen Umfeld zu führen. Die Annahme dahinter ist, dass ja jeder klar weiß, was er/sie für einen Auftrag hat.

Als Hauptmann und Kompaniechef der 2. Kompanie des Jägerbataillons 91 weiß ich zum Beispiel, dass ich grundsätzlich den Auftrag habe mit meiner Kompanie den infanteristischen Kampf zu führen. Dafür bin ich ausgebildet und ausgerüstet. Wenn mir der Kommandeur des Jägerbataillons nun den folgenden Auftrag im Rahmen einer Absicht bekannt gibt, weiß jeder über und auch unter mir (wenn die Absicht bekannt ist) was zu tun sein wird:

  • Jägerbataillon 91 (wer)

  • greift an (tut was)

  • mit 5. Kompanie verstärkt durch 4. Kompanie frontal bindend und 2. Kompanie links umfassend werfend - hier Schwerpunkt, 3. Kompanie folgt im Schwerpunkt (wie)

  • Angriffsbeginn 17:00 Uhr (wann)

  • auf feindliche Kräfte im Stellungssystem im Nordwald (wo)

  • um Zwischenziel 1 unseres Operationsplanes zu nehmen (wozu)

So viel zur Theorie - und das auch nur in einem kleinen Abschnitt. In der Praxis wird hier oft etwas anderes gemacht. Die Art und Weise der Anwendung ist hier entscheidend. Dieses Kernprinzip von Führung in der Bundeswehr ist hoch wirksam - und in meinen Augen auch hoch agil. Denn es befähigt die möglichst niedrigste Ebene zur Anpassung und Reaktion auf Lageänderungen, ohne eine große Prüfschleife zu laufen. Darüber hinaus ermächtigt es die Führungskräfte aller Ebenen selbstständige Entscheidungen im Sinne der übergeordneten Führung zu treffen. Ein System basierend auf Vertrauen. Das ist etwas, was sich die Wirtschaft durchaus mal anschauen kann - hier gibt es viel Gutes.

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