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  • Jan Hesselbarth

Spürbare Authentizität

Die folgende Situation kennt bestimmt jeder. Sie treffen auf eine Führungskraft und denken nach den ersten 5 Minuten bereits: "Oh mein Gott, da muss sich aber jemand anstrengen, um Autorität auszustrahlen." Glückwunsch! Sie stehen wahrscheinlich einer Führungskraft gegenüber, der/die nicht authentisch ist. Meist kommt das Angestrengte und das "sich verstellen" Hand in Hand mit dem Thema "das eine sagen und das andere machen". Nichts davon ist geeignet als Vorbild zu dienen.



Denn - nichts ist prägender als Vorbilder. Dabei geben wir in unserer Funktion als Führungskraft automatisch ein Vorbild ab, an dem sich Mitarbeitende ausrichten. Wir wirken sofort unglaubwürdig, wenn wir das, was wir anweisen, nicht selbst umsetzen. Wir wirken künstlich, wenn wir nicht "wir selbst" sind. Gleichsetzen kann man das mit einer spürbaren Authentizität. Ein Beispiel aus dem zivilen Bereich ist der Papst.


Warum ist der Papst ein authentisches Vorbild? Bereits die Amtseinführung war bemerkenswert. Statt prunkvoller Kleidung stellt er sich, der als Armenprediger aus den Slums von Buenos Aires kommt, in einer weißen und schlichten Sutane in seinen ausgetretenen schwarzen Lederschlappen vor die Menge und begrüßt diese in über 20 Sprachen. Seine erste Reise geht nach Lampedusa, seine zweite Amtshandlung ist die Fußwaschung der Armen. Er fährt (wenn nicht aus Sicherheitsgründen im Papamobil) mit einem alten Renault 4 durch die Gegend und wohnt immer noch im Gästehaus des Vatikans neben einfachen Pilgern. Er verstellt sich nicht und er tut das, was er predigt. Ihm fällt es nicht sehr schwer eine Aura der Autorität zu haben.


Übertragen wir das ganze ins Militär, so kann ich aus meinem eigenen Erleben berichten. Im ersten Jahr der Ausbildung in meinem damaligen Verband hatte ich einen knallharten Zugführer. Er war berüchtigt und forderte uns sehr. Jeden Freitag gab es einen sogenannten Saulauf. Der gesamte Zug inklusive Führerkorps nahm sich 1-2 vorbereitete Baumstämme und der Übungsplatz wurde "vermessen" (wir liefen alle zusammen kreuz und quer über den Übungsplatz). Sicherlich mag das unmenschlich klingen - für uns war es eine Herausforderung. Ich war nie der beste Läufer und hatte jedes Mal enorme Probleme - aber alle Dienstgrade waren mit dabei und haben uns mit ihrem Vorbild angespornt. Der Zugführer war immer der erste am Baumstamm. Wir wechselten uns regelmäßig am Baumstamm ab. Objektiv gesehen hat er bestimmt mehr am Baumstamm geschuftet als jeder einzelne von uns Unterstellten. Das hat ihm eine gewisse Aura und vor allem einen Ruf eingebracht: Hart aber fair.


Ich kenne auch Kompaniechefs, die vor einem 30km-Marsch (mit 15 Kg Gepäck unter 6 Stunden) die Devise ausgegeben haben, dass niemand hinter ihnen durchs Ziel läuft. Jetzt könnte man denken, dass der Chef irrsinnig schnelle Zeiten gelaufen ist und das auch von seinem unterstellten Bereich gefordert hat - dem war nicht so. Er war mit den schwächsten zusammen kurz vor Ablauf der Zeit drin. Er hat dafür gesorgt, dass die schwächsten motiviert sind und sie zur Not über die Ziellinie getragen, damit sie die Zeit schaffen. Irgendwann lief die ganze Kompanie geschlossen hinter dem Schwächsten und hat zusammengehalten. Das motivierte jeden. Die schwächeren Läufer trainierten und wir wurden als Kompanie immer besser und schneller.


Ein weiteres Beispiel dieser Funktion sind Fallschirmsprungdienste gewesen. Immer wieder wurde im Bataillons- oder Brigaderahmen gesprungen. Stets waren unsere Kommandeure oder hohen Offiziere mit in den Maschinen vertreten. Nun muss man sich vorstellen, dass militärischer Sprungdienst mit Rundkappen alles andere als Freizeitvergnügen ist. Mann fällt mehr unkontrolliert zu Boden als es kontrollieren zu können - der Landefall ist fies (vergleichbar einem Sprung aus 3m Höhe). Es ist also ungemütlich und auch leicht für die Führung, sich raus zu ziehen. Das konnte ich aber nur sehr selten sehen.


Warum aber ist eine spürbare Authentizität so wichtig und einer der prägnantesten Führungsgrundsätze? Weil man nur Veränderung bewirken kann, wenn man selbst die Veränderung ist. Weil man nur gemeinsam Ziele erreichen kann. Dabei ist es wichtig, nur das zu fordern, was man zu leisten im Stande ist. Das bedarf ein hohes Maß an Selbstdisziplin und auch Selbstführung.


Und heute erleben wir Firmen, die aus den C-Levels eine Digitalkur verordnet bekommen, wo das C-Level noch immer mit Fax arbeitet und die weder in Social Media noch auf den Kollaborationsplattformen der Firmen selbst vertreten sind. So kann Digitalisierung nicht klappen

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